Wuppertal
   

Stadtstruktur

Der Stadtkörper Wuppertals stellt als räumliche Typologie eine Besonderheit dar. Die heutige Gesamtstadt ist durch die Genese aus mehreren Einzelstädten und -dörfern einerseits im gemeinsamen Tal eindeutig fixiert, zugleich jedoch dezentral organisiert. Die geographisch-topographische Lage bedingt den Zusammenhalt als städtische Einheit, die auch historisch und strukturell logisch-zwingend ist (gemeinsame Industriegeschichte, ähnliche Wachstumsbedingungen und Identifikation bereits lange vor der Fusionierung). Historisch gesehen war Barmen aber immer eher die Arbeiterstadt, in der die Fabrikation der Waren dominierte, und in Elberfeld (z.B. Briller Viertel) wohnten die Firmenbesitzer; dort dominierte der Handel.

Durch die längliche ost-westliche Tallage ergibt sich nun ein geradliniges Agglomerationsband, das stadträumlich als Typ keine Parallele im Deutschen Raum hat. Entlang einer Achse aus Hauptverkehrsstraße (Bundesstraße 7), Haupteisenbahnlinie und Fluss mit dem örtlichen Hauptverkehrsmittel, der Schwebebahn, reihen sich alle wichtigen Funktionen der Stadt auf einer Länge von etwas weniger als 15 Kilometer aneinander.

Hierdurch ist eine klare Zentrenbildung erschwert, was heute als strukturelle Schwäche im Wettbewerb der Nachbarstädte erkennbar wird: Die immer noch konkurrierenden Mittelpunkte der beiden annähernd gleichgewichtigen Großstädte Barmen und Elberfeld behindern die Entwicklung einer kritischen Zentrumsgröße, die eine Anziehungskraft im Verhältnis zur Gesamteinwohnerzahl somit nicht entfalten können. Die schleichende Verlagerung aller kommerziellen Gewichte ins Elberfelder Zentrum kann diesen Zustand nur unzureichend ausgleichen. Außerdem sind hiermit strukturelle Ausblutungseffekte im Barmer Innenstadtkern verbunden.

Die Vorzüge der Bandstadt stellen sich in der äußerst einfachen Verkehrsführung dar, die konsequent auf den Talverlauf bzw. auf seine Parallelen (u. a. A 46 am Nordhang des Tals) konzentriert ist. Damit lassen sich die Personenströme hoch effizient bündeln. Die Installation eines schnellen autonomen Verkehrsmittels wie der Schwebebahn führt somit zu einem Idealangebot und ist nach wie vor hoch frequentiert und funktional, jenseits aller historischen Romantik angesichts dieses verkehrstechnischen Denkmals. Die urbanistische Wahrnehmung der Stadt führt zu einer der Tal-Länge entsprechenden optischen Vergrößerung, da innerhalb des Zentrumsbandes ein mehr oder weniger kontinuierlicher städtischer Dichtegrad erlebt wird.

Der topographisch bedingt häufig mögliche Überblick über die Talstadt zeigt diese in scheinbarer Größe, was subjektiv ebenfalls verstärkend wirkt. Ein weiterer Vorteil der Bandstadt ist ihre parallele Begleitung durch nahegelegene Grünflächen bzw. Hangwälder, die das Ausweichen aus dem Tal in grüne Randbereiche bereits nach wenigen hundert Metern erlauben. Somit sind auch zahlreiche, gründerzeitlich-hochwertige Villengebiete äußerst zentrums- bzw. talbandnah gelegen (Briller Viertel, Zoo-Viertel, mittelbar auch Elberfelder Südhöhen und Barmer Toelleturm).

Da die Entwicklung zur Bandstadt ihren Ursprung in der industriellen Nutzung des Wuppertales bzw. der Wupper selbst hat, ergeben sich durch den seit den 1990er Jahren des 20. Jahrhunderts endgültig einsetzenden Strukturwandel (De-Industrialisierung) zahlreiche Verfalls- und Leerflächen mitten im Zentrumsband der Stadt. Dies bewirkt eine subjektive (optische) wie auch objektive Strukturschwäche (Entvölkerung, De-Funktionalisierung) gerade im Innenstadtbereich, die nicht ausreichend mit nachwachsenden Tertiärnutzungen (Dienstleistungen, Verwaltung) gefüllt werden kann. Die eher mittelständische Industriestruktur führt in Wuppertal nicht zu ausreichenden Modernisierungseffekten, die etwa nun zu wissenschaftlichen oder administrativen Zentrumsaufgaben führen würden.

Dies ist im Übrigen ebenfalls ein Ergebnis der geographischen Lage, da eine Ansiedlung von Großindustrie im engen Wuppertal nicht möglich war; bereits der hier entstandene Bayer-Konzern musste mangels Erweiterungsmöglichkeit Anfang des 20. Jahrhunderts nach Leverkusen ausweichen. Die genannte funktionale oder tatsächliche Brachflächenbildung führt zu einer stärkeren Schwächung des Stadtzusammenhangs, als dies bei zentral-radial organisierten Städten ähnlicher Größe auftreten würde. Die aus den Nutzungsveränderungen bedingten Suburbanisierungsprozesse entlang der Talachse unterstützen diese Schwächung.

Grundsätzlich bietet die Bandstadt-Struktur interessante Potenziale der funktionalen Optimierung wie auch der Erzeugung besonderer urbaner Wahrnehmung. Diese können üblicherweise innerhalb von Bandstädten durch die optische wie funktionale Pflege der Zentrumsfunktion des ganzen Bandes (durchaus mit örtlich spezifischen, unterschiedlichen Schwerpunkten) genutzt werden. Faktoren sind: Die städtische Dichte, die erlebbare Bandlinie (unter anderem durch optische Identifikationsverstärker - wie unter anderem durch die Schwebebahn als grünes Stahlband bereits hergestellt), das perlenkettenartige Auftauchen wichtiger Objekte, Gebäude und Landmarken entlang der Zentrumsachse.

Die Ursachen für die Bandstadt-Bildung sind zugleich die begrenzenden Faktoren der Stadtentwicklung für Wuppertal: Die Topographie lässt die Erweiterung von Gewerbe- und Industrieflächen kaum zu. Dies unterscheidet die natürlich gewachsene Bandstadt Wuppertal von künstlichen Planungen der Moderne, wie es beispielsweise Berlin nach dem Krieg werden sollte (Hans Scharoun et. al.), wie es Brasilia zu Beginn seiner Idealplanung war oder auch seit den 90er Jahren die Stadt Shenzhen in China, als langes Band am Rande der Grenze zu Hongkong gelegen.




Dieser Artikel basiert auf dem Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Wuppertal aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.